– von Ben Herbst –

 

Am 16. November 1952, zur Zeit der so genannten „lost generation“, eine Bezeichnung, die ein Stimmungsbild der amerikanischen, zumeist unterprivilegierten, Bevölkerung kurz nach dem erlebten Zweiten Weltkrieg widerspiegelt, erschien im „The New York Times Magazine“ ein Artikel des 31 Jahre alten Autoren John Clellon Holmes, der später als „Beat-Manifest“ in die Literaturgeschichte eingehen sollte.

This is the Beat-Generation“, verkündete der Autor, obwohl sich der Begriff „Beat-Generation“ erst mit dem Roman „On The Road“ von Jack Kerouac, einem der wichtigsten Vertreter dieser neuen, literarischen Richtung, breiten Bevölkerungsschichten einprägte, von denen jene, die „On The Road“ keinesfalls für banales Geschreibsel (wie etwa Truman Capote), sondern für eine Offenbarung hielten, schließlich die Hippie-Bewegung lostraten.

Zentrale Themen der Hippies, wie etwa das Leben zur Zeit des Kalten Krieges, Drogenerfahrungen und Bewusstseinserweiterung (vgl.: William Burroughs, „Naked Lunch“), Wiederentdeckung der Natur, oder die Überwindung alt hergebrachter Tabus, Buddhismus und Freie Liebe, wurden von den so genannten „Beatniks“ erstmals so geäußert, wodurch sie den Hippies im besten avantgardistischen Sinne vorangegangen sind.

„Wir sind eine geschlagene (beaten) Generation!“, erklärte Jack Kerouac und meinte damit das Schicksal der darbenden, unteren Gesellschaftsschichten, einer „Generation“, wie Petra Kipphoff 1996 in der ZEIT feststellte (02/96), „die sich teils geschlagen und betrogen und teils befreit und glückselig fühlte - the beaten and the beatific“, ebenfalls ein Terminus Kerouacs, der sich keinesfalls zum Opfer stilisieren wollte, sondern lieber trotzig bekannte: „Ich bin arm, darum gehört mir alles!“.

Auch Allen Ginsberg, der zusammen mit Kerouac und Burroughs eine Art Triumvirat der „Beat-Generation“ bildete, erkannte den diametralen Charakter von beat. „I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked“, erklärte er einerseits in seinem Gedicht „Howl“, das seinen Ruhm begründet hatte, andererseits sah er in diesem desaströsen Zustand aber auch viele neue Möglichkeiten.


Das Entscheidende des Beat-Seins besteht darin“, erklärte Ginsberg etwa, „auf eine gewisse Nacktheit zurückgeworfen zu werden, in der sich die Welt auf visionäre Art sehen lässt. Das entspricht dem klassischen Verständnis davon, was sich in der finsteren Nacht der Seele abspielt.“

Kurzum wurde aus der zuvor postulierten Not eine Tugend gemacht, und es entstand eine kulturelle Bewegung, die deutlich bis in die heutige Zeit nachwirkt, obwohl sich derzeit offenbar kaum jemand darüber bewusst ist, dass es gegenwärtig viele Parallelen zur historischen „Beat-Generation“ gibt: Der „große Bruder“ USA bombt Länder zurück in die Steinzeit und lässt sie auf Kosten des „alten Europas“ wieder aufbauen. Deutsche Soldaten sind in Unrechtskriege verwickelt, eine unbestimmte Angst vor Terroristen wird geschürt und dazu benutzt, wahllos Bürger zu bespitzeln. Was früher als Stasi-Methoden gebrandmarkt wurde, ist bei den gesamtdeutschen Geheimdiensten längst wieder salonfähig geworden, Lebensmittel- und Energiekosten galoppieren in die Höhe , bei gleich bleibenden Löhnen, und die jüngst veröffentlichte Armutsstudie, wonach jeder achte Deutsche am Rande des Existenzminimums dahinvegetiert, gibt Anlass zu großer Sorge.

Kerouac, Burroughs und Ginsberg nahmen in einer intellektuell verklärten Form den Schmutz des Alltags auf, so wie sie ihn selbst erkannt und erlebt hatten, und mit Bob Dylan, einem engen Freund Ginsbergs und Bewunderer von Kerouac, auf dessen Beerdigung er auch zugegen war, lernte eine ganze Generation, dass man über das, was man draußen auf der Straße sieht, authentische, tiefgründige, demaskierende Songs schreiben und diese performen kann, und dass sogar ohne dabei wie eine Nachtigall klingen zu müssen, wie Dylan bis heute unter Beweis stellt. (vgl.: „Musik-Ikone mit Stimme einer Säge“ Feuilleton, Neue OZ, vom 19.10.2003)

1965 hörte sich das in Dylans „Subterranean Homesick Blues“, frei nach Kerouacs „Subterraneans“, und in deutscher Übersetzung von Carl Weissner, dem deutschen Bukowski-Intimus und Entdecker, folgendermaßen an:

Maggie kommt auf flinkem Fuß,
Gesicht verschmiert mit schwarzem Ruß.
Sagt, die Bullen hätten wieder mal
Stoff in ihrem Bett versteckt, egal.
Das Telefon wird sowieso abgehört!
Maggie sagt: nach dem, was man so hört,
Hat der Staatsanwalt den Befehl gegeben,
Anfang Mai alle hops zu nehmen.

Wirst geboren, rote Ohren.
Schulranzen, Romanzen, lernst tanzen.
Kleidest dich ein, machst dich fein.
Versuchst ’n Erfolg zu sein.
Bist nett zu ihr, zu ihm, kaufst Geschenke.
Tust nichts stehlen, nichts entwenden.
Zwanzig Jahre die Schulbank gedrückt,
Und dann wirst du ans Fließband geschickt.

Junge, pass auf,
Du wirst verkauft!
Junge, gib acht,
Hast was falsch gemacht!
Junge, sieh dich vor,
Die hauen dich übers Ohr!

Und das ist genau das Gefühl, das 2008 ein Arbeitsloser Anfang 20, 30 oder 40 heutzutage zwangsläufig haben muss: Übers Ohr gehauen zu werden! Er weiß genau, dass er spätestens ab 40 keinen Arbeitsplatz mehr bekommt, soll aber noch 27 Jahre arbeiten, ein Hohn, natürlich, und politisches Kalkül!

Von Politikern, und nicht nur von solchen der Partei der Besserverdienenden (FDP), wird jeder achte Deutsche mittlerweile zynisch zum Anhänger des „abgehängten Prekariats“ erklärt, was nichts anderes als abgehängter Bittsteller bedeutet: Aufschlussreich tatsächlich, was für ein Menschen verachtender Standpunkt da von unseren „Volksvertretern“ einer breiten Schicht der Bevölkerung gegenüber eingenommen und in „Politikersprech“ geschmeidig verhüllt wird. Klar, von den Ungebildeten und Armen, das wissen diese edlen Herren, werden sie ohnehin nicht verstanden. Die haben ja kein Geld, für die Lateinschule! Aber auch die angeblich „christlich“ und in Wahlkämpfen immer wieder gerne auch „sozial“ daherkommende Union und die langsam aber sicher immer bedeutungsloser werdende SPD stoßen ins gleiche Horn. Sind immer schnell dabei, von Wählerauftrag zu sprechen, wenn es um Machterhalt geht. Mit der LINKEN hingegen, die zurzeit quasi als einzige Partei die Belange des kleinen Mannes vertritt, soll aber möglichst gar nicht erst verhandelt werden. Wählerauftrag? Pustekuchen! Poltische Entmündigung des Bürgers, das ist wohl treffender! Aber angeblich, so wollen uns die Steigbügelhalter der Lobbyisten weismachen, wäre es ja utopisch, den Staat sozialer zu machen! Wäre nicht finanzierbar! Wie muss sich jeder achte Deutsche dabei fühlen, bei jeder Gelegenheit als Sozialschmarotzer hingestellt zu werden, während sich die Regierenden am laufenden Band die Diäten erhöhen, und der Geldadel, den sie bedienen, Milliarden am Fiskus vorbeischleust, um sich so schnell es geht in irgendeinem Steuerparadies, auf Kosten der abgehängten Bittsteller, einen lauen Lenz zu machen?

Junge, sieh dich vor!
Die hauen dich übers Ohr!

Junge, pass auf!
Du wirst verkauft!

„Nicht umsonst beschrieb Norman Mailer die Beatniks als "white negroes". Sie waren das bewusste Pendant zur nervösen, der Symmetriebesessenheit des Mainstreams offen ins Gesicht spuckenden Musik der schwarzen Bebop-Teufel.“(Steven Watson: Die Beat Generation) DAS war Beat früher und genau DAS ist NEO-BEAT auch heute noch. Nur, dass die „white negroes“ heutzutage keine – inzwischen längst etablierte – Jazz-Musik sondern Punk-Rock, Independent, Metal oder ähnliches hören.

Wir leben in einer Zeit, in der Johnny Depp, Duz-Freund von Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson, Kerouacs „On the Road“ als seinen Koran bezeichnet; in einer Zeit, in der Beat-Themen immer mal wieder von Independent-Bands wie beispielsweise den Sportfreunden Stiller („Unterwegs“) oder von der Metal-Band Marillion aufgegriffen werden, deren Album Clutching at Straws (1987) fast durchgängig von Leben und Werk Kerouacs inspiriert ist. So zitiert beispielsweise der Torch Song fast wörtlich aus den ersten Seiten des Klassikers „On The Road“.
Der zeitgenössische, amerikanische SchriftstellerT. C. Boyle schrieb, wenn auch mit deutlichem Augenzwinkern, eine Kurzgeschichte, in der zwei jugendliche Ausreißer Kerouac an Weihnachten im Haus seiner Mutter besuchen und mit ihm eine „echte“ Beatnacht zelebrieren, und sogar die Kölner Lokalpatrioten von BAP waren sich 2008 nicht zu schade dafür, auf dem Album "Radio Pandora" das Lied "Wat für e Booch!" als Hommage an Kerouacs Roman "On the Road" einzuspielen.

Viele zeitgenössische Autoren, die literarisch einfach nur mit dem Schmuddel-Prädikat Gossen-Literatur belegt werden, machen heute schon NEO-BEAT, ohne es zu wissen. Tief frustriert über das, was der Musiker GG Allin auf Amerikas Straßen erlebt hatte, trieb der Punkrocker das, was die Beatniks polarisierende Performances nannten, auf die Spitze: Seine Aufnahmen mit ständig wechselnden Bandmitgliedern, den Murder Junkies, waren extreme Performances unter Einbeziehung des Publikums; unter anderem attackierte er sein Publikum, verstümmelte sich selbst auf der Bühne, aß seine eigenen Exkremente oder masturbierte. In den späten 1980ern und frühen 1990ern war er Gast vieler Talkshows, in denen er seine Vision einer Mission für den Rock ’n’ Roll kundtat: Er wollte "die Gefahr zurück zum Rock n Roll" bringen, den Krieg im Rock-’n’-Roll-Untergrund erklären und sein Vorhaben darstellen, dass er auf der Bühne Suizid begehen und einen möglichst großen Teil des Publikums "mitnehmen" wolle (vgl.: Wikipedia GG Allin). Tatsächlich verstarb er – wie viele der Beatniks – an den Folgen seines Frustes und an einer Überdosis Heroin, aber er polarisierte auf krasseste Weise, verweigerte sich dieser Gesellschaft, sagte „My body is a Rock’n Roll Tempel“ und wurde im Rahmen eines feucht fröhlichen Punk-Festes unter die Erde gebracht! Man mag über Allin denken, was man will. Dass er hingegen seinen – und somit den klassischen – Punkansatz „Selbstzerstörung bis zur letzten Konsequenz als politisches Statement“ bis zum bitteren Ende durchgezogen hat, regt in der Tat sehr viel mehr zum Nachdenken an, als das pseudo-poetische Geseier, das im Dudel-Radio rauf und runter läuft! Woher kommt dieser Hass, fragt man sich unwillkürlich. Was treibt einen eigentlich kreativen Geist auf so einen Selbstmord-Trip?! Fragen, auf die der NEO-BEAT eine Antwort zu finden versucht. Und glücklicherweise ist der Punk inzwischen so bunt und vielschichtig, so verwoben mit einer Vielzahl kultureller Einflüsse der letzten Jahrzehnte, dass man seinem Ärger auch auf andere kreative Weise Luft machen kann, ohne gleich mit einem Fuß im Grab stehen zu müssen.

WIR SIND DIE  „WHITE NEGROES“ VON HEUTE! WIR BRAUCHEN MEHR PUNK-ROCK IN DER LITERATUR!! Es wird allerhöchste Zeit festzustellen:

HIER KOMMT DIE NEO-BEAT-GENERATION!

Denn die Zeit des NEO-BEATS ist bereits lange angebrochen. Nur ist die breite Masse offenbar immer noch damit beschäftigt, sich die „Vision der Spaßgesellschaft“ aus dem Kopf zu schlagen, denn zu lachen gibt es in der Tat wenig dieser Tage. Aber soll man deswegen verdrossen sein? NEIN! Nur etwas mehr künstlerisch-politisches Engagement könnte beileibe nicht schaden, die 68er haben es schließlich vor 40 Jahren vorgemacht. Jetzt wird es höchste Zeit für eine Renaissance des Protestes, des „Sich-Einmischens“, der Solidarität, aber auch der Entspannung! Schließlich kann man nach der Erkenntnis „Ich bin arm, darum gehört mir alles!“ oder – um mit der deutschen Band „Element of Crime“ zu sprechen – „Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß!“, kreativ gesehen durchaus euphorisch (Kerouac: upbeat, beatfic) in die Zukunft schauen.

Die reiche Gesellschaft hat uns Bittsteller abgehängt? Gut! Dann aber muss sie sich auch gefallen lassen, dass wir, der Abschaum dieser Gesellschaft, Hartz-IV Empfänger, kriminalisierte Drogenabhängige, Alleinerziehende, Ungebildete, Gemobbte, Prostituierte und Ausgebootete, Bummelstudenten, Migranten, Obdachlose, Wahnsinnige, Subkulturelle, Kreative, Spinner, Alkoholiker, Penner und viele andere mehr, uns solidarisieren und diesen feinen Herrschaften von außen den Spiegel vorhalten. Lasst uns dankbar sein, dass wir jetzt draußen stehen. Lasst uns mit Tocotronic singen: „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen! Auch wir sind raus, und wir sind stolz darauf!

„Die neue Vision", erklärte Ginsberg einmal, „nahm den Tod der Spießermoral als gegeben und ersetzte sie durch den Glauben an die Kreativität." Der NEO-BEAT ist eine Einladung an kreative und aufgeweckte Geister, auf die Straße zu gehen und unverblümt darzustellen, was los ist! Man muss gar nicht anprangern oder gar predigen! Die bloße Darstellung reicht angesichts der chaotischen, unsozialen Zustände in unserer Gesellschaft völlig aus und ist die ätzendste Kritik überhaupt: Gemeiner, als die Wahrheit zu transportieren, die sich dem wachen Beobachter heutzutage auf deutschen Straßen präsentiert, kann man gar nicht mehr sein!

Lasst uns dabei „on the beat“, im Rhythmus bleiben, wir brauchen uns nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Vielmehr sollten wir allen Mutlosen und Verwirrten, allen Verdrossenen und Depressiven zurufen: „Ja! Ihr habt völlig recht! Ihr seid nicht die Irren! Diese Gesellschaft geht gerade phänomenal den Bach herunter! Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen! So wie es euch geht, geht es vielen!“

Junge, sieh dich vor,
Die hauen dich übers Ohr!
Junge, pass auf,
Du wirst verkauft!
Keep a clean nose
Watch the plain clothes
You don’t need a weather man
To know which way the wind blows.


 

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